Sint negativ

„Daniela, komm mal!“ So rief mich mein Freund, es klang ernst und ich ließ schnell alles liegen und stehen und eilte zu ihm. „Hoffentlich nichts Schlimmes!“, dachte ich.

Er saß mit seinem Smartphone auf dem Sofa, „Ein Anruf für Dich!“. Es klingelte und dann meldete sich – der Sint persönlich! Oh … Überraschung! Nun wollte er wissen, ob ich ich bin, ob ich zarte 59 Jahre alt bin und tatsächlich war er auf der richtigen Seite in seinem Buch. Er blätterte weiter, das Umblättern klang gewichtig. Über das Jahr hin hatte er in seinem großen Buch Informationen über mich gesammelt. Da stand, dass ich gern Schokolade esse – Donnerlittchen, woher er das weiß? „Schokolade esse ich auch gern!“, vertraute er mir an. Mir wurde ein bisschen warm ums Herz.


Und da stand doch tatsächlich auch, dass ich xx. Oh nein, wie schrecklich – ertappt! „Ich bin enttäuscht!“, sagte er und wollte wissen, ob ich mich denn wohl bessern wolle, anders gäbe es am pakjesavond keine Geschenke. Mir wurde ganz anders, ich musste schlucken. Schnell sagte ich „Ja“, und weil es zu nuschelig war, wiederholte ich es schnell nochmals. „Ja!“, rief ich nun verzweifelt, „Ich will mich bessern!“ und musste gegen die aufsteigenden Tränen ankämpfen. Er hatte es nun eilig, meinte, er müsse gucken, was die Pieten denn nun schon wieder angestellt hätten. Ich hoffte inständig, dass er mich noch gehört hatte. Ganz plötzlich war das Telefonat nämlich vorbei.

Schnitt!/ Natürlich habe ich das Gespräch mit dem Sint nicht ernst genommen. Allerdings liebe ich diese Tradition. Gemeinsam saßen mein Freund und ich auf dem Sofa und hörten zu. Als der Sint erzählte, dass er auch gern Schokolade isst, erwiderte ich frech, dass er sie nicht allein aufessen solle und überhaupt war ich etwas aufsässig. Wir hatten unseren Spaß. Mal war mein Vergehen, dass ich in der Nase popelte, mal mochte ich kein Gemüse.

Und dann zeigte mir mein Freund ein Video von einem kleinen Jungen, der gerade beim Essen war, als er ein Smartphone gereicht bekam, weil ihn der Sint anrief. Erst musste ich schmunzeln, als ich die großen Augen des Jungen sah. Die Überaschung, dann die Freude darüber, dass der Sint IHN anrief und kannte, seinen Namen wusste und auch sein Alter – nämlich 3 Jahre – und dass es tatsächlich eine Seite für ihn gab. Und auch der Sint aß gern …
Dann ließ der Sint den kleinen Jungen wissen, dass in seinem Buch auch steht, dass er nicht immer artig war, weil er kein Gemüse mag. Schlagartig fing der kleine Junge an zu weinen, spuckte sein Essen aus und rief „Nein!“. In seiner Enttäuschung, Trauer, Wut ging fast unter, dass der Sint ihm ankündigte, dass er keine Geschenke an pakjesavond bekomme, wenn er sich nicht bessere, was die Emotionen bei dem kleinen Jungen noch mehr anheizte. Ob er Besserung gelobe? Die Mutter sagt „Ja“ und der kleine Junge dann auch. Er war inzwischen bitterlich am Weinen. Als das Telefonat zu Ende war, sah man den kleinen Jungen schlucken, sah ihn noch einen Moment allein weinerlich-traurig in seinem Hochstuhl sitzen.

Ich habe das Video zweimal gesehen. Ein drittes Mal hätte ich es nicht ausgehalten. Das zu sehen, hat mich hart getroffen. Ich empfinde es als gleich doppelten Verrat an dem kleinen Jungen. Einmal als Erwachsener so ein Spielchen mit dem kleinen Jungen zu spielen, dem eigenen geliebten kleinen Sohn – der noch alles glaubt, was Mama und Papa sagen – und dann später über seine Gutgläubigkeit zu lachen.

Und zum Zweiten das dann auch noch im Internet zu zeigen. Ich weiß gar nicht, was ich schlimmer finde.

Ich mag diesen Sinterklaas-Brauch hier sehr gern. Ich mag die Vorfreude der Kinder, das Singen und die Spannung, wann der Sint denn nun endlich kommt, die ganze Atmosphäre. Und ja, es ist sicherlich auch kommerzialisiert. Immer wieder staune ich und rührt es mich, so viele Kinder zu sehen, und so viele, die als Sinterklaas oder als Piet verkleidet sind. Alle kommen sie an, um den Sinterklaas zu empfangen. Dieses Video empfinde ich als unglaublichen Verrat an dem kleinen Jungen und als schreckliche Ohrfeige gegen diese Vorfreude und das Vertrauen. Daher versteht es sich von selbst, dass ich es auch nicht verlinke.

Allen Kindern wünsche ich, dass sie wissen, dass der Sinterklaas ganz besonders die Kinder liebt und dass er ein guter Mann ist. Den Eltern und Erwachsenen wünsche ich, dass sie nie und niemals vergessen, dass sie auch mal Kind waren und an den Sint geglaubt haben, an den Nikolaus, an den Weihnachtsmann.

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